| EIN KODEX MIT 482 PARAGRAPHEN Die weisen Cadoriner hatten vom Patriarchen erreicht, daß sie sich nach ihren eigenen Gesetzen und Regeln regieren konnten, aufgezeichnet im "Codex Juris", Statuta Cadubrii genannt. Darauf waren sie zu Recht stolz. Das Statut wurde von einem Ältestenrat ausgearbeitet (für Ampezzo Giovanni da Chiave) unter der Führung von Rainaldo de Rainaldis, sachverständiger Jurist aus Treviso. Die Materie war untergeteilt in 4 "Bücher" und 482 "Paragraphen". Es bestand kein Kodex, der ihm gleichkam. Um einen Kodex mit gleicher Rechtswissenschaft, politischer Weitsicht, Gleichheit zwischen den Menschen, Respekt für die unteren Klassen und auch für die Frauen zu finden, muß man sich mit den Kodexen der großen Städte befassen. Das erste "Buch" beschäftigte sich mit dem öffentlichen und dem Verwaltungsrecht; das zweite mit dem Privatrecht und den Zivilprozessen; das dritte mit dem Strafrecht. Die drei Teile mit insgesamt 288 Paragraphen tragen das Datum von 1338 und diese wurden vom Patriarchen genehmigt. Später, ab 1354 und bis 1420 hatte der oberste Rat, also das kleine Parlament des Cadore, über eine Reihe von "Korrektionen, Maßnahmen und Reformen" abgestimmt, insgesamt 194 Paragraphen, alle von den Patriarchen, die Bertrando nachfolgten, genehmigt, bis zu den genannten 482 Paragraphen. Durch den vieljährigen Gebrauch wurde die Urschrift derartig abgenützt, daß im Jahre 1464 der Domherr Giovanni della Sega, Fachmann für Miniaturmalerei, unter Mithilfe von Ludovico Palatini, Jurist der Universität Padua, alles auf Pergamente, die dann in einem Buchdeckel aus Holz und Leder gebunden wurden, kopiert hatte. Dieser kostbare Kodex befand sich in der Burg von Pieve als Maximilian sie 1511 eroberte und wurde so Kriegsbeute. Nach einigen Wechseln, einige nicht ganz geklärt, wie z.B. diejenigen nach Trient und Toblach, endete der Kodex im Landesarchiv von Innsbruck, wo er heute unter Nr. 4 der Manuskripte aufbewahrt wird. Die Cadoriner konnten nicht ohne Kodex bleiben. Dank der Kopien, die die einzelnen Notare angefertigt hatten und unter Mitarbeit von Silvestro de Mazolis aus Trient, der wahrscheinlich vom Original eine Kopie gemacht hatte, wurde später (1545) ein Druck in Venedig hergestellt. Es ist sicher, daß von den 90 Kopien, in Latein wie das Original, eine für seine Regierung nach Ampezzo kam. Nach der Trennung vom Cadore beauftragten die Ampezzaner einen Notar aus Domegge mit der Übersetzung ins Italienische und brachten sofort (1664) das Manuskript zum Druck nach Venedig. Die wenigen Kopien, die heute noch existieren, befinden sich in Bibliotheken und Museen. Die Original-Schmierkladde, etwas mehr als ein Heft, benutzt vom Drucker Bortolo Tramontin, wurde 1998 in einem Dachboden der Familie Apollonio, die sie dem Museum der "Regole d‘Ampezzo" überließen, gefunden. |
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