Am Sonntagnachmittag, dem 22. Februar 1508, marschierten die Deutschen in Alverà ein. Es waren ungefähr zwei-dreitausend. Mit den Schneeschuhen (Ciaspes) hatten sie die hohe Schneedecke in Misurina und dem Tre Croci-Paß überschritten. Unerwarteterweise hatten sie so die Burg von Botestagno umgangen, die von venezianischen Soldaten verteidigt wurde. Die Freiwilligen aus dem Cadore, vielleicht einige Hunderte von Männern, unter dem Befehl eines gewissen Barnabò, die Ampezzo hätten verteidigen müssen, zogen sich, aus Angst abgeschnitten zu werden, bis zur Talenge von Venas zurück. Von Cortina zogen die Geistlichen in ihren liturgischen Gewändern und mit Kreuzen in einer Prozession den deutschen Soldaten entgegen. Der Kommandant Sisto von Trautson versprach, daß seine Männer niemandem ein Haar gekrümmt hätten; es reichte ihnen, einen Unterschlupf für die Nacht zu finden. Am nächsten Morgen zogen sie, wie versprochen ab, um das Cadore zu erobern. Das hatte ihnen der Kaiser befohlen, dem von den Venezianern die Straße nach Rom, wo er gekrönt werden sollte, blockiert worden war. Schon ein Jahrhundert zuvor war sein Vorfahr Sigismund von den Cadorinern aufgehalten worden, dank der Hilfe der Muttergottes. Ein erster Versuch im Herbst mit dem Heer vorbeizuziehen, wurde unterhalb von Rovereto blockiert; nicht besser ging es ihm auf der Straße nach Valsugana. Es blieb ihm nur die Straße durch das Boite-Tal, aber seine Männer trafen auf das Hindernis der Burg Botestagno. Niemand im Cadore glaubte, daß die Deutschen es gewagt hätten, die Schneewand von Landro nach Misurina in Angriff zu nehmen.
Am 23. Februar zog Trautson also weiter, aber am Nachmittag stand er vor der befestigten Einfriedung, in der sich die Cadoriner verschanzt hatten. Ohne den Mut zu verlieren und dank der Erfahrung im Gebirge, stiegen seine Männer bis nach Vinigo und zur Sadorno-Scharte hinauf, um unerwarteterweise in den Rücken der Verteidiger zu fallen, die sich mit Mühe und Not in die Burg von Pieve retten konnten. Das gleiche taten unverzüglich die Honorationen des Ortes mit ihren Reichtümern. Die Leute aus den Dörfern flüchteten in die Berge und die Boten brachten die schlechte Nachricht nach Venedig.
Am Dienstag, dem 24. begann Trautson mit der Belagerung der Burg und drohte, durch den Pfarrer von Valle, der als Dolmetscher fungierte, den Ort mit Feuer und Schwert zu verheeren, wenn ihm nicht die Tore geöffnet würden. So weit kam es nicht, weil der venezianische Burgvogt Pietro Gissi, jung und unerfahren, um sein Leben bettelte und den Befehl gab, die Deutschen einzulassen. Vergebens flehten die cadorinischen Verteidiger, unter ihnen Francesco, der Bruder des Malers Tizian, und der Notar Palatini, dem wir diese Angaben verdanken, doch auszuhalten, weil bald Verstärkung eintreffen würde. Tatsächlich zog Venedig sämtliche zur Verfügung stehende Soldaten zusammen, um das Cadore zurückzugewinnen. Die Deutschen marschierten in die Burg ein, hängten die Soldaten der Garnison auf und ließen die Zivilbevölkerung gehen, nachdem sie sie ihrer Habe beraubt hatten. Unterdessen marschierte eine Kolonne, kommandiert von einem Savorgnano, vom Karn über die Mauria-Scharte ins Cadore.
Eine zweite, besser ausgerüstete, verstärkt durch einige Hunderte von Söldnern, "Stratioti" genannt, eilten von Feltre aus unter dem Kommando von Bartolomeo d‘Alviano zu Hilfe. Der Plan war, gemeinsam anzugreifen und die Deutschen so zu umzingeln. Aber als sie in Valle ankamen, nach einem anstrengenden Marsch über die schneebedeckte Cibiana-Scharte, verrieten sich Alvianos Männer durch die Lagerfeuer. Trautson hoffte, den Marsch Richtung Heimat antreten zu können und verließ fluchtartig die Burg.
Es war der 2. März 1508, der letzte Tag des Karnevals. Die Falle der Venezianer war einfach: an den Flanken, versteckt zwischen den Bäumen, hatte Alviano die "Stratioti" postiert, er selbst mit den "Falconetti" verbarg sich zwischen den Häusern von Valle. Trautson, der wahrscheinlich seine Frau und andere Verwandte auf einem Schlitten bei sich hatte, marschierte entschlossen, aber die Zange schloß sich unerwartet um die lange Kolonne und es endete in einem Gemetzel. Die venezianischen Chronisten schrieben, daß auf den Schlachtfeldern 1.800 deutsche Leichen, unter ihnen alle Kommandanten, gezählt wurden. Die getöteten Venezianer, so berichtete Alviano selbst dem Senat, waren weniger als 50. Wenige Gefangene wurden nach Venedig gebracht. Noch wenigere konnten dem Massaker entfliehen, weil die "Stratioti", denen für jeden Kopf eines Deutschen ein Scudo versprochen worden war, sie bis in die Berge verfolgten. Es ist unbekannt, ob einige von ihnen bis nach Hause, ins Pustertal gelangten, vielleicht niemand. Sanudo schreibt, daß Venedig sofort Botschafter zum Papst nach Rom schickte und daß dieser sehr froh über den Sieg, aber sehr traurig wegen der vielen Toten war. Maximilian hörte von dem Blutbad etwas später, als er Gast des Bischofs von Trient war. Nie hatte er so viele Männer in einer einzigen Schlacht verloren (und noch nie hatte er eine so schwere Niederlage hinnehmen müßen), zum größten Teil handelte es sich um Bauern, die, nach Ende der Feldarbeiten, zu den Waffen griffen. Aber die Rache ließ nicht lange auf sich warten. Im nächsten Jahr, 1509, ging der Krieg weiter. Die Deutschen kehrten ins Cadore und nach Ampezzo aus Richtung Trient und Valsugana, plündernd und brandschatzend zurück; aber die Burgen von Botestagno und Pieve, die die Venezianer schnell wieder besetzt hatten, hielten allen Angriffen stand. Dafür unterwarf Maximilian Belluno, Treviso, Bassano, Padua und Vicenza, die er verschonte, während er Solagna, die Burg von Mira, wenige Meilen von Venedig entfernt, und die Stadt Feltre abbrennen ließ. Der Krieg, der sich inzwischen auch auf Frankreich, Savoyen, Este, Spanien usw. ausgebreitet hatte, stockte 1510, um dann 1511 wieder auszubrechen.Im August übernahm der Kaiser persönlich das Kommando seines Heers, das Botestagno und Pieve belagerte. Aus Venedig, das praktisch am Ende war, konnte keine Verstärkung erwartet werden und deshalb mußte sich die Burg von Pieve, von der Artillerie halb zerstört, ergeben. Alles was Wert hatte, wurde gestohlen, darunter auch der berühmte Kodex, von dem wir gesprochen haben, und der als Kriegsbeute zuerst nach Trient und dann nach Innsbruck gebracht wurde. Unerschrocken hielt Botestagno durch, aber eines Tages schickten die Verteidiger dem Kaiser eine Botschaft, um über die Übergabe zu verhandeln. Nach vier Jahren Belagerung marschierten die Deutschen dank einer Entschädigung in Geld in die glorreiche Burg ein, die sie nie wieder verlassen hätten. Mit ihr auch die Gemeinde Ampezzo, nachdem sie vom Kaiser persönlich die Zusicherung erhalten hatte, nicht dem Pustertal eingegliedert zu werden und sich weiter mit den gleichen Gesetzen und Bräuchen regieren zu können, die sie unter Venedig genossen hatten. So wurde Ampezzo österreichisch und kaiserlich.
Nachdem der Frieden 1518 unter dem Schutz des Papstes besiegelt worden war, bestanden die Venezianer vergebens auf die Rückgabe von Botestagno, Ampezzo und anderen Städten der Lagune.
Die Geschichte hatte eine andere Seite aufgeschlagen. Nach Jahrhunderten glücklichen Zusammenlebens mit dem Cadore trennte sich Ampezzo von ihm, um ein treuer Untertan des Kaiserreichs zu werden, dem es bis zum Ende des 1. Weltkriegs angehörte. Es blieb noch die religiöse Verbindung mit dem Patriarch von Aquileia-Udine bestehen, die mit der Ära von Maria Theresia beendet wurde.
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