Das Leben in Ampezzo, das fast eine kleine Republik geworden war, war glücklich und wurde von vielen beneidet. Maximilian hielt alle seine Versprechen und die Ampezzaner machten sich sofort daran, ihr Leben nach dem Modell des Cadore zu organisieren. Das beschließende Organ, Sitz aller Macht, war "der volle und generelle Rat", bestehend aus sechs "laudadori", die alle Anfang Mai gewählt wurden, dem "Marigo", dem Vorsitzenden der Regola, zwei Rechnungsprüfern und einem Offizier. Die neun Neugewählten arbeiteten mit dem vorherigen Rat, der für ein weiteres Jahr im Amt blieb, zusammen; im Ganzen waren es also 18 Leute. Der "oberste Rat" wurde von einem "Vicario" beraten, meistens einem Notar, der die Statuten des Cadore, die immer noch einen hohen Wert hatten, und die allgemeinen Gesetze kannte. Er protokollierte alles und gab den Akten eine juristische Form. Der "Vicario" vom "obersten Rat" gewählt, blieb auf unbestimmte Zeit im Amt und garantierte so den Fortbestand der Macht. Dem "obersten Rat" stand, ohne Recht auf Stimme, der Hauptmann von Botestagno vor. Aber die Arbeiten waren auch ohne seine Anwesenheit gültig. In diesem Fall notierte dann der "Vicario": "auch wenn der hohe Herr Hauptmann abwesend ist "aber mit seiner Erlaubnis". Der Tiroler Reichstag mischte sich nicht im geringsten in die Verwaltung von Ampezzo ein, die sich von da an "Magnifica Comunità" nannte; sie entlieh sich diesen Namen vom Cadore, dem sie ja nun nicht mehr angehörten.
Die Rechtssprechung wurde von Konsulen (zwischen vier und sechs) unter der Direktion des "Vicario" verwaltet; es wurden die Vorschriften, die das Statut vorsah, mit den Ergänzungen des "obersten Rats" angewendet. Auch in diesen Bereich mischte sich Innsbruck nicht ein, außer wenn gegen die Urteile Berufung eingelegt wurde. Den Cadorinern war erlaubt worden, sie vor der Statthalterschaft des Friaul und nicht vor den venezianischen Gerichten zu verhandeln. Innsbruck versuchte mehrere Male, auf diese Gerichtsbarkeit Anspruch zu erheben, vor allem im Strafrecht. Es ist ein Fall (ca. 1670) bekannt, in dem eine reiche Witwe, der auch noch der einzige Sohn vorzeitig gestorben war und die die Verwandten deshalb vom Erbe ausschließen wollten, in Udine in Berufung gehen durfte, wo ihr rechtgegeben wurde.
Um diese Privilegien zu erreichen und sich nicht der österreichischen Rechts-und Verwaltungsordnung unterwerfen zu müssen, kämpfte Ampezzo mehrere Male mit der Zentralregierung. Es war normal, daß die Nachfolger Maximilians mehrere Male versuchten, die von ihrem Vorfahren versprochenen Rechte nicht mehr anerkennen und auf diese Weise auch die kleine Gemeinde einreihen wollten. Die Hartnäckigkeit der Ampezzaner behielt immer das Oberwasser und sie brachten sieben-oder acht Mal die Bestätigung des Privilegs" heim. Einige Male mußten sich die Botschafter nicht nur bis Innsbruck, sondern bis nach Wien begeben, um die Unterlagen ihres guten Rechts zu unterbreiten, darunter auch den Band der Statuten. Das Buch war in Latein, man brauchte Zeit, um es zu prüfen und deshalb bestand die Gefahr, daß es öfters in irgendeinem Büro liegenblieb und es nicht rechtzeitig wieder zurückgegeben wurde. Um dieser Gefahr vorzubeugen, wurde 1640 beschlossen, "unter Geheimhaltung" einem Notar die Übersetzung der Statuten ins Italienische in Auftrag zu geben und dann einige Exemplare davon in Venedig drucken zu lassen. Um dieses Unternehmen kümmerte sich Bartolomeo Alverà, ein Zöllner, der Bekanntschaften im Cadore hatte. Dieser Text in italienisch ist der einzige noch existierende; die Originalkladde, die für den Druck verwendet wurde, wird heute im Museum der "Regole d‘Ampezzo" aufbewahrt.
Ein anderer Kampf für die Verteidigung der alten Rechte war jener für die Steuerfreiheit. Die Cadoriner hatten erst vom Patriarch und dann vom Dogen erreicht, keine Steuern sondern nur Grenzzölle zahlen zu müßen. Nach 1518 wurden die Zölle weiter an der Burg Botestagno für Waren aus dem Norden bezahlt, des weiteren wurde ein Zollhaus in Acquabona an der Grenze zum Cadore errichtet. Wien brauchte, noch mehr als Venedig, Geld vorallem für seine unendlichen Kriege gegen die Türken. Deshalb ließ es sich von den Klagen der Ampezzaner nicht erweichen und legte ihnen eine jährliche Abgabe von "159 Gulden und 36 Carantani" auf, die die Gemeinde in ihre Bilanz übernahm, obwohl sie eigentlich die Bürger bezahlen sollten.
Besser ging es mit der Wehrdienstfreistellung, einem anderen Privileg, das die Cadoriner ihr eigen nannten, und das von Wien anerkannt wurde, da sie in ihrem großen Kaiserreich genug Männer zur Verfügung hatten. Es gab einige Ampezzaner, die gegen die Türken kämpften, aber nur als Freiwillige. Wir werden etwas weiter einen von ihnen näher kennenlernen. Die Ampezzaner behielten auch das Transportmonopol auf der Hauptstraße vom sog. "Hafen von Ospitale" bis nach Borca, das abwechselnd von den Fuhrmännern ausgeübt wurde. Es ist schön, hervorheben zu können, daß dieser speziellen Zunft auch Frauen angehörten, die vielleicht einen Ochsen oder ein anderes Zugtier besaßen, und sich so etwas Geld verdienen konnten, indem sie die Waren von einem "Hafen" zum anderen brachten.
Vorallem aus technischen Gründen blieb der Holzhandel, der wahre, vielmehr einzige Reichtum Ampezzos, genauso wie vorher. Jedes Jahr fällte die Gemeinde in ihren Wäldern zwischen zwanzig- und dreißigtausend Tannen und Lärchen, die die venetischen Händler auf den Bächen Boite und Ansiei (Wälder von Valbona) bis in die Sägewerke der Piave flößten. Eigentümlicherweise beschäftigten sich nur sehr wenige Bewohner von Ampezzo mit dem Holzhandel, der schon Händler aus Auronzo und dem Comelico reich gemacht hatte. Man versteht nicht, warum. Mit dem Gewinn aus den Wäldern deckte die Gemeinde alle Ausgaben: von den Zahlungen der Steuern an Wien bis zur Armenhilfe; vom Gehalt für die Lehrer bis zum Kauf von Salz und Getreide, das unter der Bevölkerung verteilt wurde; von der Wartung der Brücken und Straßen bis zum Bau der Kirchen, wie die herrliche Barockpfarrkirche. Ein jährlicher Geldfluß, der die Gemeinde Ampezzo, etwas mehr als zweitausend Einwohner, zu einer der reichsten und beneidetesten in Tirol machte. Diese herrliche Isolation endete mit den Reformen unter Josef II.
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