200.000 GULDEN FÜR EINEN GLOCKENTURM

Die Fronleichnamsprozeßion zog andächtig unter dem Glockenturm vorbei, von dem die Glocken läuteten, als alle Hals über Kopf davonrannten. Oben hatten sich einige Steine gelöst, die in Tausend Teile auf das Straßenpflaster fielen. Es war im Jahr 1849 und das reichte aus, daß der Straßenmeister die Alemagna-Straße absperren ließ und den Pfarrer bat, nicht mehr die Glocken zu läuten. Man wußte, daß der Glockenturm von Cortina nicht besonders stabil war, aber der Schock war trotzdem sehr groß. Das Ergebnis war, daß die Gemeinde von Cortina beschloß, ihn zu demolieren und einen neuen zu erbauen; die Mittel fehlten nicht, dank der Erträge der Wälder, wie wir schon gesehen haben.

Der Bürgermeister Silvestro Franceschi, von Beruf Bauunternehmer, bekam den Auftrag, das Projekt vorzubereiten. Aber die Behörden waren damit nicht einverstanden und verlangten, daß das Projekt von einem erfahrenen Architekten erstellt wurde. Der Auftrag ging an die Akademie von Venedig, wo unter Bearbeitung der Pläne des Franceschi zwei Modelle errichtet wurden, aber keines der beiden gefiel dem Gemeinderat. Der Distrikthauptmann regte an, sich an den Ingenieur Bergmann aus Wien zu wenden, der per Post alles vorhandene Material erhielt. 1851 übersandte er seine Zeichnung, die alle vorherigen Anregungen enthielt, aber auch sie fand keinen Gefallen. Bergmann hatte vorgesehen, daß der Glockenturm mindestens „drei Bosse vom Grundsockel“ (ca. 4 m) höher sein sollte, aber die Gemeinderäte hatten Angst vor dem Kostenvoranschlag. So entstand dieser, den wir heute bewundern.

Die eigentliche Arbeit übernahm Franceschi, der zuerst den alten Turm demolieren mußte, den man nur noch auf alten Drucken bewundern kann. Dann mußte er den lockeren Boden verdichten, indem er Lärchenstämme in den Boden rammte. Nach siebenjähriger Arbeit kam er bis zur vergoldeten Kugel und dem Wetterhahn, der nach der Überlieferung das Wetter vorhersagt.

Man dachte, daß 70.000 Gulden ausreichen würden, aber zum Schluß beliefen sich die Kosten auf fast 200.000 Gulden.

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