Das Attentat von Sarajevo, mit dem das goldene Zeitalter der Donaumonarchie zu Ende ging, bedeutet für Cortina d‘Ampezzo das Ende der glücklichen, privilegierten Zeit. Vier Jahrhunderte lang bekam Ampezzo das Beste von Italien, seinem Nachbarstaat, von der Sprache zum Klima, von den Bräuchen zum Handel, ohne deshalb die großen Lasten tragen zu müssen, wie zuletzt die Steuern für die Vereinigung und der Kriegspolitik, die das Volk ausgesaugt hatten. Das nahe Cadore hatte fast die Hälfte seiner Bevölkerung durch Auswanderung nach Übersee verloren. In den gleichen Jahren hatte der Tourismus Ampezzo reich gemacht, das sogar venetische und Tiroler Auswanderer bei sich aufnahm. Die "Hauptmannschaft von Ampezzo", die kleinste in Tirol und vielleicht auch im ganzen Kaiserreich, hatte eine ausgezeichnete Staatsverwaltung, die Justizverwaltung war schnell und zugänglich für alle, das Schulsystem war streng und kostenlos. Um die öffentliche Ruhe zu sichern, genügten vier Gendarmen und ein Unteroffizier. Der "Überdruß des Wohlstands" wurde gemäßigt durch die Karnevalsfeiern, während die Kutschen die Reichen, Jahr für Jahr mehr, in vier Stunden zum Zug nach Toblach brachten, von wo aus sie mit dem übrigen Mitteleuropa verbunden waren.
Die Studenten besuchten die Universitäten von Wien, Prag und Innsbruck. Der Kontakt während der Fremdenverkehrssaison zum reichen Bürgertum Europas und der ganzen Welt, den russischen Adligen und den amerikanischen Milliardären, beeinflußte die Denkweise auch der niedrigen Stände.
Im Juli 1914 hört dies plötzlich alles auf. Die vier Briefträger bringen die Telegramme mit den Absagen, die Hotels bleiben zum ersten Mal in ihrer Geschichte leer. Die Einberufungsplakate werden angeschlagen. Im August bringen die Militärtransporte der Südbahn die Jugend Tirols in den Schlamm Galiziens. Mit dem Kriegsbeginn endet auch die politische Toleranz; folglich beginnt die Deportation der mutmaßlichen Pro-Italiener. Nach und nach werden alle Jahrgänge bis 1860 eingezogen; die Ältesten werden als Arbeitskräfte einberufen. Am Winteranfang 1915 ist der Ort praktisch ohne Männer. Und es kommen Telegramme mit den Todesnachrichten von den Fronten in Serbien, den Karpaten und den östlichen befestigten Städten an, wo Österreich seine besten Brigaden verliert. Zwischen Italien, Österreich und Deutschland war 1882 ein Bündnis abgeschlossen worden, das alle fünf Jahre erneuert wurde, zuletzt 1912. Das Befremden war deshalb verständlich, als Franz Josef am 23. Mai 1915 die Kriegserklärung seitens Italien erhielt. Bis zuletzt hatten seine Diplomaten zuwenigstens Neutralität erhofft. Der alte Kaiser sprach in der Proklamation an seine Untertanen von "Verrat".
Militärisch öffnete sich eine Front, die der österreichische Stab nur schwer stopfen konnte und die ihn dazu zwang, zur Verteidigung auf die Berge zu klettern, die die Grenzlinie bildeten.
Die Notiz, daß Italien in den Krieg eintreten würde, erreichte Cortina am 24. Mai als den öffentlichen Ämtern, der Gendarmerie, der Finanz-und Zollbehörde befohlen wurde, mit allen Unterlagen nach Bruneck zu flüchten. Den wenigen Standschützen, die noch im Ort waren, meist kranke oder verwundete Heimkehrer, wurde befohlen, bis nach Son Pauses zurückzuweichen. Am 25. Mai waren nur Kinder, Frauen und wehrdienstuntaugliche Alte im Ort. Das italienische Heer ließ sich aber nicht sehen.
Es vergingen der 26. und 27. Mai. Am späten Nachmittag des 28. präsentierte sich eine Streife mit einem Offizier und einigen Soldaten, die vom Tre Croci-Paß heruntergezogen waren, im Rathaus, wo sie vom Gemeindeoberhaupt Agostino Demai empfangen wurden. Dieser wurde "gebeten" ihnen zusammen mit dem Pfarrer Antonio Pallua, nach dem sofort geschickt wurde, zum Paß zu folgen, um die Befehle des Majors Bosi zu empfangen, bevor die Soldaten kamen, um den Ort zu besetzen. Am 29. Mai nahm das italienische Heer in zwei Kolonnen, eine von San Vito, die andere vom Tre Croci, Besitz von Cortina, ohne einen einzigen Schuß abgegeben zu haben.
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