Das Gebiet des Falzaregopasses war im Laufe der Jahrhunderte eine wichtige Verbindungsstraße zwischen den ladiner Tälern von Ampezzo, Livinallongo und Val Badia.
47 Historische Postkarten aus den Jahren 1920 - 1950 von Cortina und der Umgebung.
Cortina und Hotel Victoria
19 - Fröhlich dem Untergang entgegen
Im Winter 1935 werden in Cortina zum siebten Mal die italienischen Skimeisterschaften ausgetragen, aber zum ersten Mal werden sie von der FISI (italienischer Skiverband) organisiert. Die faschistische Presse spricht lange und in lobenden Tönen davon. Die Piste "Duca d'Aosta", die auf dem Tofanahang 4459 m lang hinunterläuft, wird als "die perfekteste Piste für Abfahrtsläufe in Europa" bezeichnet. Man lobt in höchsten Tönen die beiden Rundloipen für die Langlaufrennen und die drei Sprungschanzen, die dazu beitragen, daß aus Cortina der"wichtigste Wintersportort" Europas wird. Man geht sogar so weit, das Städtchen "Skimetropole Italiens" zu nennen.
Ebenfalls 1935 veröffentlicht Bürgermeister Vacchelli die neuen gemeindlichen Ortsnamen, aber er bekommt Schwierigkeiten mit der Präfektur wegen der Straße, die nach Paul Grohmann benannt werden soll, da es sich um einen ausländischen Namen handelt. Das Hindernis wird mit Mühe und Not überwunden, nur nachdem alle Informationen über den Wiener Bergsteiger geliefert wurden, aber vor allem, weil man sie während des IV. Internationalen Bergsteiger-Kongresses eröffnen wollte.
1936 beginnt eine andere lästige Angelegenheit, nämlich "la casa del Fascio" (Haus der Faschisten). Die erste formelle Anfrage der Sektion Cortina für ein neues Gebäude spricht von 29 Zimmern, wo die 17 faschistischen Vereinigungen ihren Sitz bekommen sollten. Eine richtige Mietskaserne! Dem Bürgermeister gelingt es, sich herauszureden, da die ganzen Kosten die Gemeinde, die jedoch keine Mittel hat, tragen soll. Auch diese Problem schiebt man Jahr für Jahr vor sich her von einem Parteifürsten zum nächsten, bis der Krieg dieses Problem auslöscht.
Das Jahr 1936 sieht auch ein freudiges Ereignis. Am 20. Januar wird das "Notiziario von Cortina" eine tägliche Publikation des Fremdenverkehrsbüros gegründet. Auf dem Titelblatt die beunruhigende Nachricht "unsere Gedanken gehen an Seine Majestät, den König, an den Duce und die kämpfenden Truppen in Ostafrika". Der Krieg hat begonnen und der Fremdenverkehr nimmt davon Kenntnis. Aus den "Gästelisten", die damals täglich in den Zeitungen veröffentlicht werden, verschwinden nach und nach die Namen der ausländischen Touristen.
Im Jahr 1939, dem Jahr des Kriegseintritts an der Seite der Nazisten, beginnt eine Reihe von unangenehmen Maßnahmen, bekannt als "Auswanderung der Fremdstämmigen". Diese wurden ausdrücklich von beiden Diktatoren gewünscht, um die ethnische Säuberung in den früher österreichischen Gebieten Südtirols zu verwirklichen. Cortina wird komischerweise darin verwickelt, da wegen falscher Informationen, wahrscheinlich aus der Präfektur, der Ort zur "gemischtsprachigen Zone" erklärt wird. Das ist ein großer Irrtum, da in Cortina schon immer italienisch gesprochen wurde. Die Empörung der Partei führt zu einer Unterschriftensammlung und patriotischen Erklärungen, die eine Kommission, die eigens nach Rom fährt, dem Duce, jedoch ohne Erfolg, überreicht. Deshalb wird ein Volksbegehren durchgeführt und die, die zu Deutschland gehen wollen, sind weniger als 4 % bei 3.600 Wählern. Es ist trotzdem ein traumatisches Ereignis, das den Ort noch mehr zerreißt. Aber im Winter kommt Cortina wegen einer besseren Nachricht in die Schlagzeilen, die Einweihung der großen Seilbahn auf den Faloria. Sie wurde nach dem "Prinzen von Piemont" benannt, weil man hoffte, daß Umberto von Savoyen sie eröffnen würde. Es kam dagegen Edda Mussolini, Tochter des Duce und Frau des Außenministers Ciano, eine eifrige Besucherin des Tals. Um sie herum die Mächtigen in der faschistischen Uniform. Es handelte sich um eine der gewagtesten Seilbahnen Italiens, die neue und breite Pisten, die Cortina dringend benötigte, erschloß.
1940 spürt man die Kriegsatmosphäre auch in Cortina. Wegen der Konsumeinschränkung von Süßigkeiten, Öl, Butter, Milch und Schmalz sind die Hotelbesitzer gezwungen, immer neue Wege zu finden, vor allem, weil Fleisch, außer Innereien, an den Tagen Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag nicht mehr serviert werden durfte. Man gewährte nicht einmal den Hotels eine Ausnahme, in denen die Athleten wohnten, die an den Skiweltmeisterschaften im Februar 1941 teilnehmen sollten. Sie waren sozusagen international, da alle Länder fehlten, mit denen Italien im Krieg war. Die teilnehmenden Nationen sind neun: Bulgarien, Finnland, Schweden, Norwegen, Jugoslawien, Rumänien, Schweiz, Ungarn und Deutschland. Diese kleinen Weltmeisterschaften kosten 655.246 Lire, die von der Regierung bezahlt werden, nachdem die Gemeinde ihren miserablen Haushalt unterbreitet hatte.
Die Hotelkundschaft besteht großteils aus Offizieren in Urlaub, denen aus Geheimhaltungsgründen erlaubt wurde, sich nur mit Namen und Nachnamen einzutragen, ohne den Rang, den Korps, zu dem sie gehören und den Herkunftsort angeben zu müssen. Trotz aller Schwierigkeiten öffnen im Sommer 1942 fünfundvierzig Hotels und Pensionen; aus verschiedenen Gründen bleiben die Hotels Falzarego, Marmolada, Pocol, Fileno und Sole und die Pensionen Mariella und Igea geschlossen.
Im Winter 1943 öffnen nur ungefähr zehn Hotelbetriebe. Zu den vielen Beschränkungen, unter ihnen der Einzug aller Kupferobjekte einschließlich der Hoteltöpfe, kam noch die der Kohle hinzu, die die Heizung schwierig, wenn nicht unmöglich machte. Aber im Sommer kümmert sich der Innenminister um "den Lebensstandard in den Kurorten". In einer vielseitigen Vorschrift, erlassen, "damit die Disziplin sich besser der aktuellen Lage anpaßt", werden alle Varietéveranstaltungen, Musikkapellen, das Servieren von Essen und Trinken auf die Zimmer und alle Veranstaltungen, die "nicht rein sportlicher Art" sind, verboten. Dem auferlegten Fahrverbot wurde zugefügt "Frauen in langen oder kurzen Hosen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad".
Am 26. Juli 1943 wird die Farse zur Tragödie. Ohne viel Lärm besetzt die Wehrmacht das nahe Südtirol. Am 12. September erreichen die Deutschen auch Cortina, um sich dann über ganz Italien zu verbreiten. Die drei Provinzen Bozen, Trient und Belluno werden zur "Operationszone Alpenvorland" erklärt und dem Reich angegliedert, deshalb werden die Jungen in die deutsche Armee einberufen.
1944 wird Ampezzo Sanitätsstandort. Die Schulen, Hotels und fast alle Villen werden beschlagnahmt, um darin die Verwundeten aufzunehmen, die mit den Zügen in Calalzo eintreffen und von dort mit dem Dolomitenzug nach Cortina gebracht werden.
Für die Gemeinde ist es eine Zeit der Besinnung und der Trauer wegen der unabläßigen Todesnachrichten, die der Krieg in die Familien bringt. Im Ganzen sind es 51 Gefallene, und von ihnen gut 31 an der russischen Front, und außerdem noch 10 Zivilopfer. Am 2. Mai 1945 marschieren die amerikanischen Truppen in Cortina ein, der Krieg war vorbei.
Nachzusehen bei Giuseppe Richebuono, Geschichte von Ampezzo, Cooperativa Cortina, 1993.